Anleihen sind die vermeintlich langweilige, sichere Schwester der Aktie. Planbare Zinsen und Geld zurück am Ende der Laufzeit… klingt nach risikofreiem Investieren. Aber ist das wirklich so? Spoiler: nicht ganz.
In diesem Beitrag schaue ich, wie sicher sind Anleihen wirklich, und welche Anleihen Risiken lauern da, wo du sie vielleicht nicht erwartest?
Was ist eine Anleihe (und warum ist sie anders als eine Aktie)?
Mit dem Kauf einer Aktie wirst du zur Unternehmerin, mit allem, was dazugehört: Mitspracherecht, Chancen auf Kurssteigerungen, aber auch volles Kursrisiko. Eine Anleihe funktioniert grundlegend anders.
Die Anleihe ist ein börsengehandelter Kreditvertrag
Stell dir vor, du leihst deiner Freundin Anna 1.000 Euro. Sie zahlt dir dafür jedes Jahr 3 % Zinsen und verspricht, dir das Geld 2030 zurückzuzahlen. Diese Vereinbarung über 1.000 Euro Nennwert und 3 % Zinsen und einer Fälligkeit im Jahr 2030 haltet ihr in einem Vertrag fest.
Genau so funktioniert auch eine Anleihe. Mit zwei Unterschieden:
- der Schuldner ist nicht deine Freundin, sondern ein Staat oder ein Unternehmen
- der Kreditvertrag ist ein börsengehandeltes Wertpapier
Mit dem Kauf einer Anleihe vergibst du einen Kredit an einen Staat oder ein Unternehmen.
Und genau da wird es interessant: Dieser „Kreditvertrag“ wird täglich an der Börse gehandelt. Du könntest den Kreditvertrag, den du mit Anna geschlossen hast, an der Börse an Conny verkaufen. Sobald der Kauf abgewickelt ist, würde Conny von Anna die jährlichen Zinszahlungen bekommen, und am Laufzeitende zahlt Anna die kompletten 1.000 Euro an Conny zurück.
Was kostet eine Anleihe?
Der Preis, den Conny bereit ist zu zahlen, ist der Börsenkurs und wird in Prozent des Nennwerts angegeben. 100 % bedeutet also, dass die Anleihe den Besitzer zum vollen Rückzahlungsbetrag wechselt. Ist der Zins im Vergleich zu aktuellen Marktzinsen attraktiv, steigt die Nachfrage und der Kurs klettert über 100 %. Ist er unattraktiv, sinkt er unter 100 %.
Selbst wenn Conny die Anleihe zu 1.050 Euro (= 105 %) oder 980 Euro (= 98 %) kauft: am Ende bekommt sie von Anna 1.000 Euro zurückgezahlt.
Ob Conny am Ende wirklich ihre 1.000 Euro zurückbekommt, hängt von einer entscheidenden Frage ab: Wie kreditwürdig ist Anna? Aber dazu gleich mehr.
Je näher die Fälligkeit, desto ruhiger der Kurs
Die nun folgende Eigenschaft einer Anleihe ist sehr praktisch, weil sie sehr planbar ist. Und damit auch einen Teil der Frage „wie sicher ist eine Anleihe“ beantwortet:
Je näher der Fälligkeitstermin rückt, desto mehr nähert sich der Anleihekurs den 100 % an.
Warum? Je näher der Fälligkeitstag rückt, desto sicherer ist, ob Anna die 1.000 Euro zurückzahlen kann. Es gibt also weniger Spielraum für Kursschwankungen. Der Kurs konvergiert gegen 100 %.
Das bedeutet auch: Kurzlaufende Anleihen schwanken weniger als langlaufende. Wer also auf Nummer sicher gehen will, wählt Anleihen mit kurzer Restlaufzeit und nimmt dafür eine etwas niedrigere Rendite in Kauf.
Staatsanleihen oder Unternehmensanleihen?
Anleihen gibt es von zwei Arten von Schuldnern. Staatsanleihen (auf Englisch Government Bonds) werden von Staaten ausgegeben. Unternehmensanleihen, also Corporate Bonds, von Firmen. Der Unterschied in der Praxis: Staatsanleihen solider Länder wie Deutschland oder den USA gelten als sehr sicher, bieten aber nur sehr niedrige Kupons. Unternehmensanleihen zahlen meist mehr Zinsen, tragen aber auch ein höheres Ausfallrisiko.
Die wichtigsten Anleihe-Begriffe auf einen Blick
| Begriff | Bedeutung | im Anna-und-Conny-Beispiel |
| Emittent | Herausgeber der Anleihe: ein Staat oder ein Unternehmen | Anna |
| Nennwert | Der Betrag, den du am Ende der Laufzeit zurückbekommst | 1.000 Euro |
| Kupon | Die jährliche Zinszahlung, die du während der Laufzeit erhältst | 3 % |
| Bonität | Die Kreditwürdigkeit des Emittenten: je besser, desto sicherer die Anleihe | |
| Laufzeit | Der Zeitraum, bis die Anleihe zurückgezahlt wird | 2030 |
| Kurs | Der aktuelle Börsenkurs der Anleihe (in % des Nennwerts) | 105 % bzw. 98 % |
| Staatsanleihe | Der Emittent ist ein Staat | |
| Unternehmensanleihe | Der Emittent ist ein Unternehmen |

Wie sicher sind Anleihen wirklich? Die drei großen Risiken
Rendite gibt es nur gegen Risiko.
Das ist mein Leitspruch an der Börse. Und der gilt auch für Anleihen. Zwei Risiken solltest du kennen.
Anleihen Risiko #1: Der Emittent zahlt nicht zurück
Das größte Risiko bei einer Anleihe ist, dass der Emittent (also Anna, der Staat oder das Unternehmen) zahlungsunfähig wird. Dann fallen entweder einzelne Zinszahlungen aus, oder am Ende der Laufzeit kommt das Geld gar nicht oder nur teilweise zurück.
Die Kreditwürdigkeit eines Emittenten wird als Bonität bezeichnet und durch ein Rating eingeschätzt. Das reicht von AAA (top) bis D (Zahlungsausfall). Die Faustregel: Je schlechter die Bonität ist, desto höher muss der Kupon sein, damit die Anleihe für Käufer attraktiv ist.
Je schlechter die Kreditwürdigkeit, desto höher der Kupon einer Anleihe.
Wie sicher sind Anleihen von Staaten wie Deutschland und den USA? Die gelten als sehr sicher.
Wie sicher sind Anleihen von Unternehmen? Die variieren stark. Es gibt sie von solide bis spekulativ, jedoch haben sie meist eine geringere Bonität als Staatsanleihen.
Anleihen Risiko #2: Steigende Zinsen drücken den Kurs
Hier überrascht eine Anleihe viele Einsteigerinnen. Denn obwohl der Kupon fix ist, schwankt der Kurs der Anleihe während der Laufzeit täglich an der Börse. Und zwar abhängig vom allgemeinen Zinsniveau.
Und das kommt so: Weil Anleihen eine begrenzte Laufzeit haben, werden immer mal wieder neue Anleihen ausgegeben. Wenn nun die Marktzinsen steigen, müssen neue Anleihen mit höheren Kupons ausgegeben werden, um Käufer anzulocken. Dann aber sind ältere Anleihe mit niedrigerem Kupon unattraktiver, sodass deren Kurs fällt.
Steigende Marktzinsen = fallende Anleihekurse. Sinkende Marktzinsen = steigende Anleihekurse.
Das klingt beunruhigend, ist es aber nur dann, wenn du die Anleihe zwischendurch verkaufst. Und jetzt kommt der absolut wichtigste Merksatz für dein Investment in Anleihen. Der ist ganz wichtig:
Wer eine Anleihe bis zum Ende der Laufzeit hält, bekommt immer den Nennwert zurück!
Kursschwankungen sind dir dann herzlich egal.
Wie sicher sind Anleihen also wirklich? Sicherer als ihr Ruf, wenn du sie richtig einsetzt.
Anleihen Risiko #3: Inflation frisst deinen Zins auf
Stell dir vor, Anna zahlt dir 3 % Zinsen, aber die Inflation liegt bei 4 %. Dann verlierst du real Kaufkraft, obwohl du nominell Zinsen bekommst. Das ist das Inflationsrisiko einer Anleihe: Der Kupon ist fix, aber die Inflation ist es nicht. Besonders bei langen Laufzeiten kann das spürbar werden.
Komplett vermeiden lässt sich dieses Risiko nicht, aber du kannst es begrenzen, indem du Anleihen mit überschaubaren Laufzeiten wählst und den Kupon mit der aktuellen Inflationsrate vergleichst, bevor du kaufst.
Der Kupon mag hoch klingen. Aber entscheidend ist, was nach der Inflation übrig bleibt.

Warum Anleihen für die meisten unpraktisch sind
Du könntest jetzt eine einzelne Anleihe kaufen, die zu deinem Anlageziel passt (die kannst du in einem Anleihe-Finder, zum Beispiel hier bei der Börse Stuttgart recherchieren). Aber lass uns zuerst auf die Nachteile schauen:
Wie sicher sind Anleihen als Einzelpapier? Theoretisch solide — aber in der Praxis stolpern viele über diese drei Hürden.
Hohe Stückelung
Viele Anleihen, vor allem Unternehmensanleihen, werden in Stückelungen von 1.000 Euro, 10.000 Euro oder sogar 100.000 Euro ausgegeben. Aber soviel Geld willst du vielleicht gar nicht in eine Anleihe stecken. Das macht eine breite Streuung über mehrere Anleihen für dich schlicht unrealistisch.
Nicht überall handelbar
Anleihen sind nicht bei allen Brokern verfügbar. Wenn du ein günstiges Neobroker-Depot hast, stellst du vielleicht fest: die gewünschte Anleihe ist gar nicht im Angebot. Oder sie ist nur über einen teuren Handelsplatz verfügbar.
Kein Emittenten-Schutz durch Streuung
Mit einer Einzelanleihe hängst du an einem einzigen Emittenten. Wenn der in Schieflage gerät, ist dein eingesetztes Kapital gefährdet. Diversifikation, also das Verteilen des Risikos auf viele Anleihen, wie du das von ETF kennst, funktioniert mit Einzelpapieren kaum.
Es gilt wie bei Aktien: um die Sicherheit von Anleihen zu erhöhen, solltest du diversifizieren.
Bei Aktien geht das schlau mit ETF. Aber wie funktioniert das bei Anleihen? Wie kannst du die Sicherheit, dass der Nennwert zur Fälligkeit zurückgezahlt wird, über viele Anleihen diversifizieren?
Die clevere Alternative: iBonds statt Einzelanleihen
Die gute Nachricht: Es gibt eine Lösung, die das Beste aus beiden Welten verbindet:
- die Planbarkeit einer Einzelanleihe und
- die Streuung eines ETF
Diese Lösung heißt iBonds, oder auch Fälligkeitsanleihen-ETF.
iBonds enthalten über 300 Anleihen, die alle den selben Fälligkeitstermin haben.
Du kaufst also einen ETF, der Hunderte von Anleihen enthält. Und du weißt schon beim Kauf, wann du dein Geld zurückbekommst und wieviel Rendite während der Laufzeit bekommst.
iBonds haben also:
- kein Emittentenrisiko durch Klumpenbildung
- keine Mindestanlage von 10.000 €
- und Handelbarkeit bei den gängigen Brokern
Die Frage „Wie sicher sind Anleihen?“ stellt sich nicht mehr, seit es iBonds gibt. Yeah.
>> Wie iBonds genau funktionieren, welche Kennzahl wirklich wichtig ist und wie du den richtigen iBonds-ETF für deine Situation auswählst, das erkläre ich dir im nächsten Beitrag: iBonds, Anleihe-ETF oder Geldmarkt-ETF: Wann du welchen brauchst
Wie werden Anleihen und iBonds versteuert?
Neben der Frage wie sicher sind Anleihen, magst du dich auch fragen: wie werden sie eigentlich versteuert?
Anleihen sind steuerlich unkompliziert. Für dich in Deutschland gilt: Sowohl die Zinszahlungen (Kupon) als auch eventuelle Kursgewinne beim Verkauf werden mit der Abgeltungssteuer von 25 % plus Solidaritätszuschlag plus ggfs. Kirchensteuer besteuert. Dein Freistellungsauftrag von 1.000 Euro pro Jahr gilt natürlich auch hier.
Wie du es auch von Aktien-ETF gewöhnt bist: Thesaurierende iBonds reinvestieren die Zinsen automatisch. Versteuert wird trotzdem jährlich, dein Broker kümmert sich darum automatisch.
Für wen passen Anleihen überhaupt?
Anleihen sind kein Allheilmittel. Denn Rendite gibt’s nunmal nur gegen Risiko. Und Anleihen bergen nur geringes Risiko — also folglich darfst du auch nicht auf hohe Renditen hoffen. Für den langfristigen Vermögensaufbau über 10, 20 oder 30 Jahre sind Aktien-ETF die bessere Wahl.
Die alte Weisheit hat ausgedient
Früher galt außerdem die Faustregel: 60 % Aktien, 40 % Anleihen. Das war der Klassiker, der Generationen von Anlegern empfohlen wurde. Die Idee dahinter war, dass Anleihen steigen, wenn Aktien fallen, und umgekehrt. Schöne Theorie, die in der Realität der letzten Jahre gründlich entzaubert wurde: Aktien und Anleihen verloren oder gewannen gleichzeitig an Wert. Denn beide sind heute deutlich stärker korreliert als früher: sie bewegen sich in vielen Marktphasen in die gleiche Richtung, besonders wenn Inflation oder Zinsentscheidungen der Notenbanken das Geschehen dominieren. Der erhoffte Puffer-Effekt tritt häufig nicht mehr ein.
Wann passen Anleihen in dein Portfolio?
Sinnvoll sind Anleihen deshalb nur dann, wenn du eine konkrete Situation vor Augen hast:
- Du brauchst das Geld in ein paar Jahren, vielleicht für eine Immobilie oder größere Anschaffung, und willst das Risiko von Aktien nicht eingehen
- Du möchtest einen Teil deines Depots mit planbaren, stabilen Zinserträgen absichern
- Du bist eher sicherheitsorientiert und möchtest nachts ruhig schlafen
Als grobe Orientierung: Bei niedriger Risikobereitschaft kannst du bis zu 30 % deines Portfolios in Anleihen stecken. Je risikofreudiger du bist, desto kleiner wird dieser Anteil.
Fazit: wie sicher sind Anleihen?
Anleihen sind zwar zum Vermögensaufbau ungeeignet, aber in manchen Lebenssituationen haben sie ihre Berechtigung.
Sie sind nicht risikofrei. Aber sie sind planbar, wenn du weißt, was du tust. Die zwei wichtigsten Punkte zum Mitnehmen:
- Halte Anleihen bis zum Laufzeitende! Denn dann sind Kursschwankungen irrelevant und du bekommst deinen Nennwert zurück.
- Greif lieber zu iBonds als zu Einzelanleihen. Denn du bekommst die Planbarkeit einer Einzelanleihe, aber mit breiter Streuung und ohne hohe Mindestanlage.
>> Wie du den richtigen iBonds-ETF findest und worauf du beim Kauf achten solltest, zeige ich dir im Beitrag iBonds, Anleihe-ETF oder Geldmarkt-ETF: Wann du welchen brauchst
Wie sicher sind Anleihen im Vergleich zu Aktien?
Anleihen sind deutlich schwankungsärmer als Aktien, weil du als Gläubigerin einen festen Zins und die Rückzahlung des Nennwerts bekommst. Dafür ist die Rendite langfristig niedriger. Sicherheit hat ihren Preis.
Wie sicher sind Anleihen bei einer Bankenpleite?
Anleihen sind Sondervermögen: sie sind vom Vermögen deines Brokers getrennt. Geht dein Broker pleite, gehören deine Anleihen trotzdem dir. Das Ausfallrisiko liegt beim Emittenten, nicht bei der Bank.
Wie sicher sind Anleihen bei steigender Inflation?
Das ist eine Schwachstelle: Wenn die Inflation höher ist als dein Kupon, verlierst du real an Kaufkraft. Deshalb gilt: Kurzlaufende Anleihen wählen und den Kupon immer mit der aktuellen Inflationsrate vergleichen.
Wie sicher sind Anleihen von Deutschland?
Deutsche Staatsanleihen gelten als eine der sichersten Anlagen weltweit. Sie haben Rating AAA, also höchste Bonität. Der Haken: Genau deshalb sind die Kupons sehr niedrig. Maximale Sicherheit kostet maximale Rendite.
Wie sicher sind Anleihen in einem ETF?
Deutlich sicherer als eine Einzelanleihe, weil das Risiko auf hunderte Emittenten verteilt ist. Fällt einer aus, fällt das kaum ins Gewicht. Deshalb empfehle ich iBonds statt Einzelanleihen.



